Nachdem Esowatch kritisch über die 12-Schritte der Anonymen Alkoholiker berichtete, tauchte die Frage auf, ob es denn wohl Kliniken gebe, die nach dem Konzept der Anonymen Alkoholiker arbeiten.
Es gibt sie. In Deutschland ist das sogenannte “Bad Herrenalber Modell” bekannt. Gründer ist Walther H. Lechner, ein 1923 geborener Psychiater- und Neurologe, der in den 70ern ein Konzept einer sogenannten “Psychotherapeutischen Gemeinschaft” entwickelte und eng mit der Gründung der Anonymen Alkoholiker in Deutschland verbunden ist. Lechler lernte die Anonymen Alkoholiker während eines Aufenthaltes in den USA kennen und trug nach seiner Rückkehr wesentlich zu deren Verbreitung hierzulande bei.
Insgesamt existieren in Deutschland vier sogenannte “12-Schritte”-Kliniken. Die Kliniken Bad Herrenalb, Bad Grönenbach, die Hochgrat-Klinik Wolfsried in Stiefenhofen und die Adula-Klinik in Oberstdorf.
Die Aufenthalte in diesen Kliniken werden in der Regel von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
Die therapeutische Basis der Klinken bildet die Gruppen-Therapie. Einzelgespräche spielen eine untergeordnete Rolle.
Einfach formuliert bedeutet das: Es werden Patienten mit unterschiedlichen Erkrankungen – darunter Eßstörungen, Borderline Persönlichkeitstörungen, Suchterkrankungen, Phobien und Depressionen – in Klein- und Großgruppen aufeinander losgelassen. Dabei therapieren die Patienten gegenseitig mit küchenpsychologischen Weisheiten an sich herum. Zum Einsatz kommen dabei hochgradig umstrittene Techniken aus der Psycho-Quacksalber-Szene wie die Familienaufstellung nach Hellinger, Bonding nach Daniel Casriel und Holotropes Atmen.
Des Weiteren spielt Spiritualität eine wichtige Rolle im Konzept dieser Kliniken. Angeboten werden Meditation, Gottesdienste, meditative Wanderungen, Ritualarbeit und etliches mehr.
Sucht man im Internet nach Berichten von Patienten aus diesen Kliniken, fällt etwas auf: Entweder sie berichten völlig euphorisch von ihren Erlebnissen dort, oder sie standen während ihres Aufenthaltes am Abgrund. Einige mußten anschließend gar in Psychiatrien wieder hergestellt werden. Eine Mitte, die sowohl von guten als auch schlechten Erfahrungen berichtet, findet sich kaum. “Nur gut” und “nur schlecht” gibt es üblicherweise nicht, wenn Menschen 8 Wochen in einer Klinik leben, die Einem auch noch geradezu ein eremitisches Dasein via Fastenvereinbarung abverlangt.
Als Kidmed das erste Mal über die Klinik Adula berichtete, dauerte es nicht lange bis der Betreiber die schlechte Presse ausgemacht hatte und dagegen hielt. Sowas deutet in aller Regel auf Guerilla-Marketing hin, d.h. der Markt wird beobachtet um eventueller Kritik möglichst schnell entgegenwirken zu können. Werbung in Form von “Erfahrungsberichten” wird platziert, wo es nur möglich ist.
So auch auf http://www.klinikbewertungen.de/klinik-forum/erfahrung-mit-adula-klinik-oberstdorf
Dort berührte mich ein Kommentar, der sehr schön wiedergibt, was passiert, wenn man Patienten mit unterschiedlichen psychischen Erkrankungen aufeinander hetzt, ohne eine fundierte Anleitung zu bieten:
Kommentar von Luis12 am 26.02.2010
Wie soll man sich denn informieren, wenn man in gutem Glauben als Akutpatient anreist? Nicht, um dort Schauspielunterricht im Gruppentheater zu nehmen, sondern als Suizid-Gefaehrdeter Hilfe zu suchen, aber nicht zu bekommen. Im Gegenteil, meine famose Gruppe forderte mich auf, es doch zu tun! Die Therapeutin schritt nicht etwa ein, sondern machte sich fuer die naechsten Wochen aus dem Staube. Ich blieb zurueck, mit Suiziddruck und Verzweiflung. Von da an habe ich meine Gruppe gehasst und sie nicht mehr teilnehmen lassen an meinen Problemen. Stattdessen habe ich mit Interesse wahrgenommen, wie sie sich gegenseitig angriffen, sich zerfleischten mit Worten um die Gunst von Therapeuten. Ich habe bis zu meiner Abreise nur noch geschwiegen. Therapieerfolge habe ich spaeter ohne Adula bei Einzelgespraechen mit meinem Therapeuten erlebt. Gottseidank. Adula ist fuer mich gestorben.
“Dann tus doch!” – Wohl der gefährlichste Satz, den man zu einem Suizidalen sagen kann. Diejenige, die es wissen müßte läßt die Gruppe gewähren. Ein Kunstfehler der schlimmsten Art. Scharlatanerie. Quacksalberei.
Die Anzahl derer, die angeben während des Aufenthalts in der Adula-Klinik unter Suizidgefahr geraten zu sein, ist erschreckend, aber auch nicht verwunderlich. Die Psychotechniken des “Bad Herrenalber Modells” sind seit langem als gefährlich bekannt. Allein Hellinger trägt die Schuld an mehreren Suiziden, die nach seinen irrwitzigen und sektoid anmutenden Veranstaltungen begangen wurden.
Wer dann auch noch zuläßt, daß destruktive Borderline-Patienten Depressive vor versammelter Mannschaft in die Mangel nehmen, der spielt zusätzlich mit Leben und Tod.
Das Bad Herrenalber Modell ist hochgradig gefährlicher medizinischer Schwachsinn. Die Übernahme der Kosten durch Krankenkassen läßt sich kaum erklären. Ob dies an dem Vorschußvertrauen liegt, welches die 12-Schritte der Anonymen Alkoholiker genießen, ist ungewiss. Jedenfalls werden hier Psychomethoden bezahlt, die sonst wegen mangelnder Wirksamkeit nicht übernommen werden.
Weitere Quellen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Bad_Herrenalber_Modell
http://de.wikipedia.org/wiki/Walther_H._Lechler
http://www.adula-klinik.de
